Saisonfazit: Southwest Division

Die NBA-Saison 2020/21 ist vorbei – Zeit für ein Fazit! Im sechsten und letzten Teil dieser Serie geht es um die Teams der Southwest Division: die Grizzlies, Mavericks, Pelicans, Rockets und Spurs.

Memphis Grizzlies: Memphis ist eines der spannendsten jungen Teams der NBA und hat das in der vergangenen Saison eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Mit Ja Morant hat man einen Franchise-Guard gefunden, der in diesem Jahr erstmals Playoff-Luft schnuppern durfte und dabei direkt zu überzeugen wusste. Der Rookie of the Year 2019/20 machte in der regulären Saison im Schnitt 19.1 Punkte und 7.4 Assists. Im entscheidenden Play-In-Game schenkte er den Warriors 35 Zähler ein, bevor er in der Erstrundenserie gegen Utah in fünf Partien im Schnitt 30.2 Punkte erzielte – unter anderem überragende 47 im zweiten Spiel. Morant war die eine positive Erkenntnis dieser Saison, der restliche Kader die andere. Mit Ja, Jaren Jackson Jr., Desmond Bane, De’Anthony Melton und Xavier Tillman waren gleich fünf Spieler, die maximal 23 Jahre alt sind, Teil der festen Rotation. Auch Brandon Clarke (24), Dillon Brooks (25) und Grayson Allen (25) passen in den Zeitrahmen. Die Grizzlies haben in den letzten Jahren bewiesen, dass sie ein gutes Auge für junge Talente haben und diese entwickeln können. Die Saison 2020/21 war die erste, in der sie die Früchte dieser Arbeit in Form einer Playoff-Teilnahme genießen konnten.

Und Memphis scheint noch nicht zufrieden mit dem Gerüst für die Zukunft zu sein. Die Grizzlies haben mit einem mit den Pelicans eingefädelten Trade die diesjährige Offseason offiziell eingeläutet. Jonas Valanciunas, ein bisheriger Eckpfeiler des Teams, wechselt zu den Pelicans, im Gegenzug nimmt Memphis die schlechten Verträge von Steven Adams und Eric Bledsoe (wird vermutlich nie für die Grizzlies spielen) auf. Zur Belohnung darf man in der Draft einige Plätze nach vorne rücken und nun an zehnter Stelle ein Talent auswählen. Außerdem gibt es aus New Orleans noch einen weiteren First Round Pick 2022 obendrauf. Die Grizzlies bleiben also geduldig, wollen nicht auf Biegen und Brechen einen sofortigen Playoff-Run forcieren. Spielerisch bedeutet der Trade auf den ersten Blick ein Downgrade. Aber er zeigt gleichzeitig, dass man mit JJJ auf der Center-Position plant und dem Duo Morant und Jackson viel gemeinsame Spielzeit ermöglichen will. Mit dem zehnten Pick ist man offensichtlich der Meinung, einen weiteren potenziellen Star in dieses Team integrieren zu können. (Gerüchten zufolge hofft man auf Franz Wagner oder Josh Giddey.) Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Grizzlies in weiteren Trades einen noch höheren Pick anstreben – bei diesem starken Jahrgang ein legitimes Vorhaben.

Man hat das Gefühl, dass in Memphis eine besondere Mannschaft zusammenwächst. Mit Ja Morant hat man ein elektrisierendes Supertalent, das schon bald zu den besten Point Guards der NBA zählen könnte. Außerdem verfügt man über eine Armada an jungen Spielern, die ihr Potenzial unter Beweis gestellt haben. Mit einem Defensivrating von 111.0 stellte man schon jetzt die sechstbeste Defense der abgelaufenen Saison. Der Trade mit den Pelicans signalisiert, dass man auf diesem Fundament behutsam aufbauen möchte. Vielleicht unterhalten wir uns in einigen Jahren darüber, dass man zu einem früheren Zeitpunkt mehr Risiko hätte eingehen sollen. Aber es kann genauso gut sein, dass sich die Grizzlies stetig steigen und mittelfristig zu einem echten Contender werden.

Dallas Mavericks: LUKA MAGIC! Wer meine Texte mehr oder weniger regelmäßig liest weiß, dass ich voll und ganz verliebt in das slowenische Wunderkind bin. 27.7 Punkte, 8.0 Rebounds und 8.6 Assists in der Regular Season, 35.7, 7.9 und 10.3 beim Erstrundenaus gegen die Clippers. Mit 21 Jahren ist Luka Dončić in meinen Augen einer der (mindestens) fünf besten Spieler der Liga und hat die Chance, eines Tages ein G.O.A.T.-Kandidat zu sein. Nach einem holprigen Saisonstart mit vielen Verletzungen und Corona-Fällen steigerten sich die Mavs nach dem All-Star-Break enorm und landeten auf Rang 5 im Westen (42-30). Dennoch reichte es nicht für einen tiefen Playoff-Run. Wie schon im Vorjahr war in der ersten Runde Schluss, wieder musste man sich den Clippers geschlagen geben. Lukas Supporting Cast war einmal mehr nicht gut genug, der Slowene musste eine zu große Last schultern. Kristaps Porzingis machte gegen die Clippers im Schnitt 13.1 Punkte und traf 29.7% seiner Dreier. Josh Richardson, der vor der Saison im Tausch für Seth Curry aus Philadelphia kam, war ein Totalausfall und spielte nur 13.4 Minuten. Boban Marjanović (!) war mit 11.8 Zählern der drittbeste Scorer, der nicht Luka Dončić heißt.

Die Mavericks wollen und müssen aufrüsten, um nächstes Jahr nicht wieder ein frühes Aus zu erleben. Aber wie lässt sich der Kader verbessern? Tim Hardaway Jr. war der zweitbeste Spieler des Teams, aber er wird Unrestricted Free Agent und dürfte bei einigen anderen Teams Begehrlichkeiten wecken. Angeblich ist man in Dallas sehr interessiert an den Diensten von Kyle Lowry. Der Noch-Raptor könnte sowohl an der Seite von Luka abseits des Balles agieren als auch den Slowenen als On-Ball-Creator entlasten. Der Fit wäre gut, aber das Preisschild abschreckend. Porzingis würde man sicherlich gerne traden, doch sein Marktwert dürfte nach einer weiteren von Verletzungen und Inkonstanz geprägten Saison geringer sein denn je. Über einen Draftpick verfügt Dallas in diesem Jahr nicht, also wird kein namhafter Rookie frischen Wind in die Mannschaft bringen können. Und auch im Wettbieten um einen unzufriedenen Superstar à la Bradley Beal oder Damian Lillard hätte man im Vergleich zur Konkurrenz eher schlechte Karten.

Der nächste Schritt in der Entwicklung des Luka Dončić ist, dass er sich abseits des Balles bewegen und für Unruhe sorgen kann, während ein Kollege den Spielaufbau in die Hand nimmt. Um diesen Schritt gehen zu können, braucht Luka den ein oder anderen Mitspieler, der auf dem allerhöchsten Niveau mit dem Ball in der Hand für Gefahr sorgen kann. Sollte der Kader ähnlich löchrig zusammengestellt sein wie in diesem Jahr, kann sich auch Dončić mit all seinen Heldentaten nur bedingt gegen die starken Kontrahenten des Westens zur Wehr setzen. Wie bei vielen anderen Superstars gilt auch für Luka: Er braucht mehr Unterstützung. Erst dann können die Mavericks ins Titelrennen eingreifen.

New Orleans Pelicans: Die Pelicans waren eine der großen Enttäuschungen der Spielzeit 2020/21. Mit Zion Williamson hat mein einen irrsinnig talentierten 21-Jährigen in den eigenen Reihen, der diese Liga über Jahre als absoluter Superstar prägen könnte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und berechtigter Kritik, dass Zion in einer suboptimalen Rolle eingesetzt wurde, kam die Geburtsstunde von „Point Zion“. Ein explosiver Schwertransport, der seine Gegner reihenweise überrollte. Williamson beendete die Spielzeit mit 27.0 Punkten, 7.2 Rebounds, 3.7 Assists und einer Feldwurfquote von 61.1%. Obwohl er in seiner Rookie-Saison nur 24 Spiele absolvieren konnte, wurde er in seinem zweiten Jahr zum All-Star gewählt. Aber Zions Leistungen reichten nicht einmal aus, um seinem Team einen Platz im Play-In-Tournament zu sichern. Die Pelicans haben einen angehenden Superstar, scheinen bislang aber überfordert mit der Aufgabe, ein funktionierendes Team um ihn herum aufzubauen. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?

Man sollte Zions aktuelle Situation in New Orleans nicht kategorisch mit Anthony Davis‘ damaliger Lage vergleichen. Zum einen wurde das Front Office seitdem neu besetzt und zum anderen sind durch die Trades von Davis und Jrue Holiday reichlich Assets und Draftpicks vorhanden. Man sollte in der Lage sein, Zion die passende Hilfe an die Seite zu stellen, bislang fällt die Bilanz aber schlecht aus. Mit Eric Bledsoe und Steven Adams wurden vor der Saison zwei hartgesottene Veteranen verpflichtet, mit Stan Van Gundy kam ein Coaching-Urgestein, das die Defense auf Vordermann bringen sollte. Dass diese personellen Maßnahmen in die Schublade „Missgeschicke“ einzuordnen sind, musste sich inzwischen auch Strippenzieher David Griffen eingestehen. In dem im oberen Teil zu den Grizzlies bereits erwähnten Trade gelang es, die schrecklichen Verträge von Bledsoe und Adams wieder loszuwerden. Van Gundy wird zur kommenden Saison durch Willie Green ersetzt, der damit erstmals ein NBA-Team als Headcoach übernimmt.

Um Cap Space freizuschaufeln, rückte man in der Draft sieben Plätze nach hinten (von 10 auf 17) und opferte einen weiteren Erstrundenpick 2022 (via Lakers). Dass man dabei aber in Jonas Valanciunas einen Big Man aus Memphis bekam, der auf dem Papier besser zu Zion passt, sollte nicht verschwiegen werden. Die große Frage wird nun sein, was New Orleans mit den mindestens 22 Millionen Dollar Cap Space anstellt. Lonzo Ball wird Restricted Free Agent, noch ist unklar, wie tief die Pels für seine Dienste in die Tasche greifen müssten. Gerüchten zufolge will man unbedingt Kyle Lowry als erfahrenen Leader verpflichten. Aber warum? Warum sollte man zwischen 20 und 30 Millionen pro Jahr für einen 35-jährigen Point Guard ausgeben, der einen sicherlich nicht in die Conference Finals führen wird? Genau wegen solchen Deals hatte AD nach sieben Jahren in New Orleans genug gesehen. Es besteht die Gefahr, dass Zion der erste Youngster wird, der sich nicht mit einer Max-Extension an seine Franchise bindet, sondern schon früher das Weite sucht. Aber verhindert man dieses Szenario, indem man Lowry überbezahlt, nur um in der ersten Playoff-Runde auszuscheiden? Oder bringt man Ball zurück, um den jungen Kern weiterzuentwickeln und vielleicht in zwei oder drei Jahren die vorderen Plätze im Westen angreifen zu können? Ich würde mich für zweiteren Weg entscheiden. Die Zion-Uhr tickt, aber New Orleans darf trotzdem nicht die gleichen Fehler machen wie einst bei Anthony Davis.

Houston Rockets: Ich habe bereits in meinem Beitrag zur neuen Big Three der Brooklyn Nets einige Worte über James Hardens Flucht aus Houston verloren. Dass der unangefochtene Superstar lieber in Stripclubs abhing, als mit seinen Kollegen zu trainieren, war der bizarre Anfang einer turbulenten Saison für die Rockets. Wie turbulent sie war? 30 verschiedene Spieler schnürten 2020/21 im Houston-Trikot ihre Basketballschuhe. Von diesen 30 (dreißig!) Akteuren, absolvierten genau zwei mehr als 50 Spiele: Jae’Sean Tate und Sterling Brown. Macht euch keinen Vorwurf, wenn ihr die Namen dieser beiden Herren gerade zum ersten Mal lest. Wie gesagt, die Texaner haben eine verrückte Spielzeit hinter sich – mit einem erfreulichen Happy End.

Selbst die unmotivierte und übergewichtige Version von James Harden trug die Rockets zu Beginn der Saison noch zu einigen Siegen. Selbst nach dem Trade waren sie noch eine Zeit lang konkurrenzfähig – angeführt von Neuzugang Christian Wood und dem von den Invaliden auferstandenen John Wall. Vor allem Wood wurde schnell zu einem der besten Neuverpflichtungen der vergangenen Offseason und spielte sich mit 21.0 Punkten und 9.6 Rebounds pro Partie in die Herzen der traumatisierten Rockets-Fans. Allerdings setzten ihn Verletzungen oft außer Gefecht, sodass er nur 41-mal zum Einsatz kam. Es lief gut für Houston, selbst ohne den Mann mit der markanten Gesichtsbehaarung, der inzwischen in Brooklyn auf einmal wieder der glücklichste Basketballer weit und breit war. Doch der Einbruch ließ nicht lange auf sich warten. Am 4. Februar standen die Rockets nach einem Sieg gegen Memphis bei einer Bilanz von 11-10 – danach verloren sie 20 Partien in Serie und konnten bis zum Saisonende nur noch sechs Siege einfahren. Die „Belohnung“ war ein Record von 17-55, der letzte Platz im Westen und der zweite Pick der kommenden Draft.

Die Rockets verabschiedeten sich mit dem Harden-Trade in einen harten Rebuild. Wood ist sicherlich als Teil der Zukunft eingeplant, auch wenn er schon 25 Jahre alt ist. Hinter ihm wird es allerdings dünn, was junge Spieler angeht, mit denen man fest planen kann. Der 20-jährige Kevin Porter Jr. ist der einzige Jungspund, bei dem man von Star-Upside träumen kann. Das Team braucht dringend eine Talent-Infusion. Da trifft es sich gut, dass man sich mit dem zweiten Pick Jalen Green oder Evan Mobley sichern kann. Der eine ist ein explosiver Guard, der andere ein beweglicher Big Man. Beiden wird in diesem starken Draft-Jahrgang nachgesagt, das Potenzial für mehrere All-Star- oder sogar All-NBA-Nominierungen zu haben. Die Rockets sind wohl so überzeugt von Green, dass sie den 19-Jährigen, der zuletzt für das Team Ignite in der G-League auflief, als potenziellen Franchise-Spieler verpflichten werden. An der Seite von Christian Wood (und John Wall) wird der Rookie vermutlich nicht viele Spiele gewinnen, aber die Rockets hätten zumindest ein spannendes Talent als Eckpfeiler ihres Neuaufbaus.

San Antonio Spurs: Außer Gregg Popovich, der noch immer in all seiner Weisheit an der Seitenlinie sitzt, erinnern nur wenige Dinge in San Antonio an die glorreichen Zeiten der letzten Jahrzehnte. Die Spurs haben eine unspektakuläre Saison hinter sich, an deren Ende eine Bilanz von 33-39, Platz 10 im Westen und eine Play-In-Niederlage gegen Memphis zu Buche stehen. DeMar DeRozan war der mannschaftsinterne MVP und legte dabei 21.6 Punkte sowie 6.9 Assists im Schnitt auf. Mit LaMarcus Aldridge verließ der andere Ex-Star die Franchise per Buyout. Der Fokus bei den Spurs lag klar auf der Entwicklung ihrer jungen Spieler. Dejounte Murray (15.7 Punkte, 7.1 Rebounds, 5.4 Assists, 1.5 Steals) und Keldon Johnson (12.8 Punkte, 6.0 Rebounds) empfahlen sich mit ihren Leistungen für größere künftige Aufgaben. Lonnie Walker IV legte ebenfalls Career-Highs in den meisten Kategorien auf und zeigte vielversprechende Ansätze. Rookie Devin Vassell tat sich hingegen überwiegend schwer, sich als wichtiger Teil des Teams zu etablieren.

Für die Spurs könnte ein weiterer großer Schritt in Richtung Rebuild vor der Tür stehen. Mit DeRozan, Rudy Gay und Patty Mills werden drei Großverdiener ihre Dienste in der Unrestricted Free Agency anbieten. Dass die Veteranen nochmals das schwarz-weiße Trikot überstreifen werden, ist eher unwahrscheinlich. Drei zentrale Figuren werden voraussichtlich gehen und die Zügel endgültig in die Hände von Murray, Johnson, Walker, Vassell und Co. geben. San Antonio hat außerdem in der kommenden Draft den zwölften Pick, mit dem man einen weiteren jungen Spieler in diese Jugend-forscht-Truppe einbeziehen könnte. Sollten sich die Texaner nicht wider Erwarten in dieser Offseason auf die Jagd nach Veteranen machen, dürfte der Neuaufbau vollumfänglich eingeläutet werden. Ein interessanter junger Kern ist bereits vorhanden, mit diesem wird man allerdings in naher Zukunft nicht viele Spiele gewinnen. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich die jahrelang über Erfolge definierte Franchise neu orientiert.

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