Saisonfazit: Northwest Division

Die NBA-Saison 2020/21 ist vorbei – Zeit für ein Fazit! In Teil 4 richtet sich der Blick gen Westen. Die Teams der Northwest Division sind an der Reihe: die Jazz, Nuggets, Blazers, Timberwolves und Thunder.

Utah Jazz: Die Regular Season hätte für die Jazz kaum besser laufen können. Mit 52-20 hatte das Team von Headcoach Quin Snyder den besten Record der Liga vorzuweisen. Auch das Net-Rating von +9.3 war Spitzenwert. Mit einem Offensivrating von 117.6 (3.) und einem Defensivrating von 108.3 (4.) gehörte man an beiden Enden des Feldes zu den besten Teams. Nach einem fest eingeplanten Triumph in der ersten Playoffrunde – 4-1 gegen die Memphis Grizzlies – lag man gegen die Clippers nach zwei Siegen vor heimischer Kulisse mit 2-0 in Front. Wie konnte es also passieren, dass L.A. vier Spiele in Folge gewann, zwei davon ohne Kawhi Leonard, und sich Utah bereits nach den Conference Semifinals in die Offseason verabschieden musste? Die entscheidende Niederlage in Game 6 stand exemplarisch für die Lücken des Jazz-Kaders, die sich in den Playoffs nicht mehr kaschieren ließen. Der defensive Plan A mit Rudy Gobert, der zum dritten Mal als Defensive Player of the Year ausgezeichnet wurde, als Anker am eigenen Korb funktionierte in der regulären Saison einwandfrei. Doch gegen die Clippers und ihre Armada an vielseitigen Flügelspielern fand man keinen Plan B. Selbst ohne Kawhi Leonard erwiesen sich die Small-Ball-Lineups des Teams von Headcoach Tyronn Lue als Kryponit für Gobert und die Jazz. Utah hatte nicht das nötige Personal, um diese Art Spieler adäquat zu verteidigen. Royce O’Neal und Bojan Bogdanovic waren die gefragtesten Flügelverteidiger der Mannschaft – gegen Paul George und Co. reichte das nicht.

Die offensiven Sorgen in den Playoffs hatten zugegebenermaßen viel mit Verletzungssorgen zu tun. Donovan Mitchell verpasste die letzten 16 Partien der Regular Season und kehrte erst für Game 2 gegen die Grizzlies zurück. Obwohl er sichtlich nicht bei 100 Prozent war, machte der 24-Jährige in zehn Playoff-Spielen im Schnitt 32.3 Punkte und traf 43.5% seiner Dreier. Mike Conley, der andere All-Star-Guard der Jazz, konnte in der Serie gegen die Clippers erst im sechsten Spiel eingreifen und war in diesem nur ein Schatten seiner selbst. Sixth Man of the Year Jordan Clarkson sorgte mit seinem Scoring von der Bank auch in der Postseason phasenweise für Furore, doch gegen ein so abgebrühtes Team wie die Clippers konnte auch er nicht zum entscheidenden Faktor werden.

Wie soll es nun weitergehen für die Jazz? Wagt man einen weiteren Anlauf mit dem Kern rund um Mitchell und Gobert? Sowohl 2019/20, als man nach 3-1-Führung gegen Denver ausschied, als auch in der abgelaufenen Spielzeit stieß dieser Kader an seine Grenzen. Aber die Bucks haben erst kürzlich bewiesen, dass sich mit dem überwiegend gleichen Personal (plus Jrue Holiday) eine andere Strategie implementieren lässt. Mit Conley wird ein Eckpfeiler des aktuellen Teams Unrestricted Free Agent. Seine starke Saison und der gute Fit mit Mitchell würden eine erneute Verpflichtung rechtfertigen. Auf der anderen Seite muss man bedenken, dass Conley bereits 33 ist und wohl einen letzten langfristigen Vertrag zu bestmöglichen Bezügen anstreben wird. Die Regular Season hat gezeigt, dass man mit den Jazz auch in der kommenden Saison rechnen muss, zumal Mitchell erst jetzt so langsam in seine Prime kommt. Allerdings müssen aus den bitteren Playoff-Pleiten der letzten beiden Jahre die richtigen Schlüsse gezogen werden.

Denver Nuggets: Für mich sind die Denver Nuggets das größte „What if?“ dieser Saison. Nachdem man zur Trade-Deadline Aaron Gordon aus Orlando geholt hatte, setzten sie mit einer Acht-Spiele-Siegesserie ein dickes Ausrufezeichen und wurden plötzlich als Meisterschaftsanwärter gehandelt. Nikola Jokić befand sich inmitten einer phänomenalen Saison, die er mit 26.4 Punkten, 10.8 Rebounds, 8.3 Assists und einem MVP-Titel beendete. Der Joker führte die Liga in so ziemlich jeder Advanced Metric an, war sowohl in der Zone als auch von jenseits der Dreierlinie ein unaufhaltsamer Scorer und hat sich nun bereits im Alter von 26 Jahren als einer der besten Passgeber aller Zeiten etabliert. Um das zu beschreiben, was Jokić in dieser Saison geleistet hat, fehlen einem zum Teil die Superlative. Er ist der erste MVP, der in der zweiten Runde gepickt wurde. Der kleine, dicke Junge aus Serbien ist zu einem der besten Basketballer der Welt geworden.

Aber zurück zu den Nuggets: An der Seite von Jokić war Jamal Murray nach einem holprigen Saisonstart auf dem besten Weg, seine Gala-Form aus der Bubble wiederzufinden. Michael Porter Jr. machte einen großen Entwicklungssprung, nicht umsonst war er unter den Finalisten für den MIP-Award. Denver genoss den Aufwind des Erfolgs und stellte sich auf einen tiefen Playoff-Run ein – und dann kam der 12. April. Murray riss sich gegen die Warriors das Kreuzband. Nicht nur für den Point Guard war es das Aus, sondern auch für die Titelhoffnungen der Nuggets. Man beendete die Saison als Dritter im Westen (47-25), konnte die Portland Trail Blazers noch in sechs Spielen schlagen, wurde dann in der zweiten Runde aber von den Phoenix Suns gesweept. Ein unrühmliches Ende für eine Saison voller Hoffnungen und Träume. Obwohl Jokić auch in den Playoffs auf einem wahnsinnig hohen Level ablieferte, fehlte ohne Murray die nötige Feuerkraft, um gegen die Suns bestehen zu können.

Vor den Nuggets steht nun eine sehr interessante Offseason. Mit einem frisch gebackenen MVP in seiner Prime bleibt der Franchise nichts anderes übrig, als erneut anzugreifen. Allerdings ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar, wann Murray wieder aufs Parkett zurückkehren wird (und ob er dann noch der Alte ist). Will Barton hat seine Spieleroption abgelehnt, mit Paul Millsap und Austin Rivers werden zwei weitere Rollenspieler zu Free Agents. Auch bezüglich Porter Jr. wird man eine Entscheidung treffen müssen. Die Nuggets könnten ihm bald eine lukrative Vertragsverlängerung anbieten und an die Franchise binden. Aber braucht man MPJ vielleicht doch als Prunkstück eines Trade-Pakets, mit dem man sich um einen Star in seiner Prime bemüht? Über die Verpflichtung von Bradley Beal wird schon eine Weile spekuliert, inzwischen fällt auch der Name Damian Lillard immer häufiger. Wie überzeugt ist man davon, dass Murray der zweitbeste Spieler eines Championship-Teams sein kann? Vorausgesetzt, er findet nach seiner langen Zwangspause zurück zu alter Stärke. Denver muss in den kommenden Monaten die richtigen Entscheidungen treffen, um auch nächste Saison wieder von der Meisterschaft träumen zu dürfen.

Portland Trail Blazers: Die Personalie Damian Lillard ist dieser Tage eines der heißesten Eisen im Feuer der NBA-Medienwelt. Der Point Guard spielte einmal mehr eine Saison auf Superstar-Niveau, nur um einmal mehr enttäuschend weit weg von einem Meistertitel zu sein. Das 2-4 in der ersten Runde gegen die Denver Nuggets, die ohne ihren zweitbesten Spieler auskommen mussten, fühlte sich auf mehreren Ebenen nach einem endgültigen Schlussstrich an. Man muss kein Experte sein, um die größte Baustelle der Blazers auszumachen: Portland beendete die Regular Season zwar mit der zweitbesten Offense der Liga (Offensivrating 117.8), stellte mit einem Defensivrating von 116.0 jedoch auch die zweitschlechteste Defense. Für MVP Nikola Jokić war es offensichtlich ein Leichtes, Portlands Defense nach allen Regeln der Kunst auseinanderzunehmen. Lillards 34.3 Punkte pro Partie bei einer Dreierquote von 44.9% waren nicht genug – mal wieder. Für Coach Terry Stotts bedeutete die erneute Enttäuschung, dass seine neunte Saison bei den Blazers gleichzeitig seine letzte war. Sein Erbe wird von Chauncey Billups angetreten, der zuletzt als Assistant Coach bei den Clippers tätig war. 2004 führte er die Detroit Pistons, berüchtigt für ihre kompromisslose Defensivarbeit, als Finals MVP zur sensationellen Meisterschaft. Blazers-Fans dürfen sich also Hoffnungen machen, dass Billups die desolate Defense wieder auf Vordermann bringt.

Ob Lillard das Ende der kommenden Saison überhaupt im Blazers-Trikot erleben wird, steht derzeit mehr in der Schwebe als je zuvor. Selbst für den 31-Jährigen, der seit Jahren den Ruf als personifizierte Loyalität genießt, scheint ein kritischer Punkt erreicht zu sein. Zwar forderte er wohl noch keinen Trade, aber erstmals bekannte er sich nicht vollumfänglich zu seiner Franchise. Dass ein Lillard-Abgang schon in dieser Offseason über die Bühne geht, ist eher unwahrscheinlich. Aber die Uhr für das Front Office der Trail Blazers tickt. Wenn Dame nicht in den kommenden Monaten davon überzeugt wird, dass er in Portland einen Ring gewinnen kann, scheint ein Abschied unumgänglich.

Ob man in der Free Agency einen Spieler bekommt, der den Unterschied machen kann, ist fraglich. Erste Priorität muss es sein, Norman Powell zu halten, danach wird es in Sachen Cap Space schon eng. Auch ein Trade für einen Star scheint unrealistisch, außer man gibt dabei C.J. McCollum ab. Anfernee Simons und Nassir Little sind die einzigen jungen Spieler, die bei anderen Teams Begehrlichkeiten wecken könnten und auch Draftpicks sind eher Mangelware. Muss also McCollum gehen? Es wird über einen Tausch mit den Sixers spekuliert, der Ben Simmons nach Portland bringen würde. Ein Deal, der in meinen Augen für beide Seiten viel Sinn ergeben würde. Aber wäre es genug, um Lillard zufriedenzustellen? Wie hoch ist der Tradewert von Jusuf Nurkić und Robert Covington?

Die Trail Blazers müssen handeln. Dass man Billups die Zügel in die Hand gegeben hat, war ein erster Schritt. Es darf jedoch nicht der letzte gewesen sein. Portlands Blick richtet sich nach oben, aber in einer Western Conference, die in der kommenden Saison tendenziell noch umkämpfter sein wird, könnte man auch schnell nach unten schauen müssen. Die Dame Time könnte schon bald vorbei sein. Und wie schnell ein Team nach dem Abgang eines Superstars in den NBA-Keller abstürzen kann, hat man zuletzt in Houston gesehen. Ein solches Szenario werden die Blazers unbedingt verhindern wollen.

Minnesota Timberwolves: Gibt es überhaupt eine Franchise, deren Saisonfazit schlechter ausfällt als das der Minnesota Timberwolves? Auf der einen Seite verpasste man die Playoffs mit einer Bilanz von 23-49 (Platz 13 im Westen) deutlich, auf der anderen hatte man „nur“ den sechstschlechtesten Record der Liga und muss, nachdem das Lottery-Glück ausblieb, seinen eigenen Erstrundenpick an Golden State abdrücken. Der Trade, bei dem D’Angelo Russell und Andrew Wiggins im Februar 2020 die Arbeitgeber tauschten, sieht aus Timberwolves-Sicht spätestens seit dem Verlust des siebten Picks der diesjährigen Draft alles andere als rosig aus. Russell absolvierte nur 42 Spiele und verzeichnete in diesen seinen niedrigsten Punktschnitt (19.0) seit seiner ersten Saison in Brooklyn 2017/18. Dass seine Verpflichtung vor allem getätigt wurde, um ein Zeichen in Richtung seines Kumpels Karl-Anthony Towns zu setzen, ist ein offenes Geheimnis. Da jedoch auch Towns, seines Zeichens Franchise-Spieler bei den Wolves, nur 50-mal auf dem Parkett stand und die beiden gerade einmal 24 Spiele gemeinsam bestritten, verbietet sich eine finale Bewertung dieses Duos.

Das Ende der regulären Saison könnte Wolves-Fans Mut machen. Nachdem man sich anscheinend aktiv gegen den Tanking-Modus entschieden hatte, gewann Minnesota sieben der letzten zwölf Spiele. Der neue Headcoach Chris Finch, der Ryan Saunders nach 31 Saisonspielen beerbte, konnte sich einen ersten Eindruck verschaffen, wie man mit der aktuellen Truppe eine gewinnbringende Spielweise anstreben könnte. Russell und KAT wussten zu überzeugen und schienen endlich so etwas wie Chemie aufzubauen. No.-1-Pick Anthony Edwards kam nach Startschwierigkeiten so richtig ins Rollen und stellte sein enormes Potenzial unter Beweis. Mit Jaden McDaniels, Josh Okogie und Naz Reid zeigten drei weitere Jungspunde vielversprechende Leistungen. Gibt es eine Welt, in der dieser junge Kern in der kommenden Saison einen großen Leistungssprung vollzieht und um die Play-In-Plätze mitspielen kann? Vielleicht. Fakt ist jedoch auch, dass dafür so ziemlich alles nach Plan laufen muss: Towns und Russell als Star-Duo, Edwards als Franchise-Spieler der Zukunft, McDaniels und Co. als solider Supporting Cast.

Stand jetzt stecken die Wolves tief im Niemandsland der NBA. Man hat einen (Offensiv-)Star, der unaufhaltsam auf seine besten Jahre zusteuert und dem man bislang keine angemessene Unterstützung bieten konnte. In den letzten 17 Jahren erreichte Minnesota nur einmal die Playoffs – in der Jimmy-Butler-Ära, deren Ende ebenso spektakulär wie abrupt war. Über die Draft wird man in diesem Jahr voraussichtlich keine neuen Bausteine hinzufügen können. Wegen einer angespannten Cap-Situation gilt selbiges vermutlich auch für die Free Agency. Wie optimistisch kann die Franchise in ihrer aktuellen Lage wirklich sein?

Oklahoma City Thunder: Steht im Wörterbuch für gängiges NBA-Vokabular neben dem Begriff Tanking „Siehe Oklahoma City Thunder 2020/21“? Falls nicht, sollte es eingefügt werden. Die Thunder beendeten die Saison mit 22 Siegen, 50 Niederlagen und dem schlechtesten Net-Rating (-10.5) der Liga. Dabei hatte die Saison mit vergleichsweise vielen Siegen begonnen. Das junge OKC-Team, angeführt von einem überragenden Shai Gilgeous-Alexander, hatte kurz vor dem All-Star-Break eine Bilanz von 16-21 vorzuweisen. So konnte das nicht weitergehen! SGA absolvierte sein letztes Saisonspiel am 22. März. Danach gewannen die Thunder noch drei ihrer 29 Spiele. Zunächst fehlte er tatsächlich verletzungsbedingt, gegen Ende der Saison war das aber wohl nur noch die offizielle Erklärung. Al Horford wurde ebenfalls aus dem Verkehr gezogen, George Hill wurde zu den 76ers getradet. Zwischen dem 27. März und dem 9. Mai absolvierte OKC 25 Spiele und machte dabei 490 Punkte weniger als seine Gegner – ein NBA-Negativrekord für eine solche 25-Spiele-Spanne.

All diese Niederlagen dienten einem Zweck: bessere Lottery-Odds. Es gelang den Thunder auch tatsächlich, sich einen der vier schlechtesten Records der Liga zu „verdienen“. Doch die Losfee war ihnen nicht gewogen, am Ende sprang nur der sechste Pick dabei heraus. Ein Rückschlag im Rebuild, aber kein Grund zur Panik. Zum einen wird man bei der Stärke dieses Jahrgangs noch immer einen High-Upside-Spieler wie Jonathan Kuminga oder Scottie Barnes bekommen können. Oder man versucht, via Trade in die Top-4 zu kommen. Die Assets dafür hätte man allemal, die Schatzkiste ist prall gefüllt. 36 Draftpicks besitzt man in den kommenden sieben Ziehungen, 18 davon in der ersten Runde. Wenn Presti und Kohorten der Meinung sind, dass einer der besten vier Talente dieses Jahrgangs perfekt an die Seite von Gilgeous-Alexander passt, sollte man nicht zögern, ein paar dieser Picks wieder abzugeben.

Ansonsten wird sich Thunder-Fans auch in der kommenden Saison wieder ein sehr ähnliches Bild bieten: Jugend forscht und viele Niederlagen. Versteht mich nicht falsch, die Thunder haben mit SGA, Luguentz Dort, Théo Maledon, Aleksej Pokusevski und Co. eine junge, spannende Truppe. Außerdem kam noch per Trade Kemba Walker aus Boston – natürlich zusammen mit einem weiteren First Round Pick. Schafft man mit 31-Jährigen das gleiche Kunststück wie mit dem damals ebenfalls ausgemusterten Chris Paul? Wie schon CP3, könnte Kemba seine Karriere im OKC-Jungbrunnen wiederbeleben und sich dann nochmals einem Contender anschließen. Aber es ist mehr als fraglich, ob er die Thunder auch tatsächlich zu zahlreichen Siegen führen kann. Zu viele gewonnene Spiele will man ja ohnehin nicht zulassen, daran dürfte sich auch in er kommenden Saison nichts ändern.

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