Saisonfazit: Atlantic Division

Die NBA-Saison 2020/21 ist vorbei – Zeit für ein Fazit! In Teil 1 meiner sechsteiligen Serie nehme ich die Teams aus der Atlantic Division unter die Lupe: die 76ers, Celtics, Knicks, Nets und Raptors.

Philadelphia 76ers: Welchen Reim kann man sich auf die Saison der Sixers machen? Bei kaum einem Team ist der Balanceakt zwischen „Was wäre, wenn…“ und „Hab ich’s doch gewusst!“ so schwer zu bewerten. Viele Kritiker, die die Zusammenstellung des Kaders hinterfragt hatten, verstummten nach und nach, als Philly die reguläre Saison als bestes Team im Osten beendete. Aber trotz der starken Bilanz von 49 Siegen und 23 Niederlagen blieben mit Blick auf die Playoffs viele Fragen unbeantwortet. Kann Joel Embiid, der zwar auf MVP-Niveau spielte, aber eben (mal wieder) nur 51-mal auf dem Parkett stand, fit bleiben? Ist Ben Simmons auch in der Postseason ein Spieler auf All-Star-Niveau? Kann ein Team, dessen beste Perimeter-Scorer Tobias Harris und Seth Curry sind, wirklich Meister werden? All diese Fragen wurden deutlich mit Nein beantwortet.

Nach einer Must-Win-Serie gegen Washington war gegen die Atlanta Hawks überraschend Endstation. Embiid hatte mit einer Meniskusverletzung zu kämpfen – und legte dennoch 28.1 Punkte und 10.5 Rebounds auf. Doch der Kameruner war nicht das unaufhaltsame Ein-Mann-Abrissunternehmen, dass die Sixers in diesen Playoffs gebraucht hätten. Sein Supporting Cast – und allen voran sein Co-Star – ließen ihn im Stich. Simmons machte in sieben Spielen gegen die Hawks im Schnitt 9.9 Punkte und warf in 56 Fourth-Quarter-Minuten insgesamt dreimal (!) auf den Korb. Wir sprechen hier von einem Franchise-Guard mit einem Maximalvertrag. Der 24-Jährige ist einer der besten Defender der Liga und könnte in der richtigen Rolle auch offensiv ein gewinnbringender Faktor sein. Aber er ist kein passender Co-Star für Joel Embiid – das sollte spätestens nach dem erneuten Zweitrundenaus auch Sixers-GM Daryl Morey klar sein.

Man darf keineswegs alles schlechtreden, was die 76ers in dieser Saison geleistet haben. Embiid hat einen großen Entwicklungsschritt gemacht und könnte auch nächste Saison wieder ein Auge auf die MVP-Trophäe werfen. Spieler wie Tyrese Maxey und Curry haben bewiesen, dass sie neben ihrem Franchise-Center gute Rollen einnehmen können. Wer weiß? Mit einem komplett fitten Embiid hätte man die Hawks – und vielleicht sogar die Bucks in den Conference Finals – schlagen können. Aber das hat man nicht. Am Ende muss der Ausgang als enttäuschend angesehen werden. In Philadelphia könnte ein weiterer Umbruch bevorstehen. Simmons sollte getradet werden, sein Wert ist allerdings geringer denn je. Gleiches gilt für Harris, dessen Mega-Vertrag sich wohl kaum in ein besseres Asset verwandeln lassen wird. Im Nachhinein dürfte es Morey und Co. wurmen, dass man nicht für James Harden (oder wenigstens Kyle Lowry) All in gegangen ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass das Championship-Fenster für die Sixers in einer Saison, in der Teams wie die Lakers, Clippers und Nets durch Verletzungen zurückgeworfen wurden, so offen war, wie noch nie. Es ist fraglich, ob es sich in den nächsten Jahren erneut so weit öffnen wird.

Boston Celtics: Die Traditionsfranchise aus Boston hat eine Saison hinter sich, die zwar nicht als Erfolg verbucht werden kann, an deren Ende aber eine große, freudige Erkenntnis steht. Die Celtics erlebten unter Coach Brad Stevens eine nach allen Regeln der Kunst mittelmäßige Spielzeit. Eine Bilanz von 36-36, Platz 7 im Osten und ein sang- und klangloses Erstrundenaus gegen die Brooklyn Nets. Die schwächeren Saisonphasen sind mit Sicherheit zu einem gewissen Teil Verletzungs- und Corona-Sorgen zuzuschreiben. Jayson Tatum infizierte sich mit dem Virus und hatte wohl noch mehrere Wochen nach seiner Rückkehr mit den Folgen zu kämpfen. Jaylen Brown verpasste das Ende der Regular Season und die Nets-Serie verletzungsbedingt. Dass ihre beiden Stars nicht bei 100% waren, erstickte jegliche Hoffnungen auf einen tiefen Playoff-Run der Celtics im Keim. Aber genau hier kommt die bereits erwähnte positive Erkenntnis ins Spiel: Tatum und Brown haben in dieser Saison bewiesen, dass sie das Prädikat „Star“ verdienen. Tatum eroberte sich in seiner vierten NBA-Saison den Status eines Superstars und steigerte seinen Punkteschnitt von 26.4 Zählern in der regulären Saison sogar auf 30.6 in den fünf Playoff-Spielen. Und auch Brown ist nun endgültig ein Eckpfeiler für die Zukunft seiner Franchise, nachdem er in fast allen wichtigen Statistiken Karrierebestwerte verzeichnete und erstmals All-Star war.

Die Celtics haben also zwei selbst gedraftete Stars, die mit ihren 22 bzw. 24 Jahren noch Entwicklungspotenzial haben UND langfristig unter Vertrag stehen. Von einer solchen Konstellation können die meisten NBA-Teams nur träumen. Noch dazu sind die beiden Jays große, athletische Flügelspieler, die sowohl die Offensive schultern als auch den besten Perimeter-Spieler des Gegners verteidigen können. Dieses Skillset ist in der modernen NBA begehrter denn je. Dennoch sollte man sich in Boston nicht zurücklehnen – die letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell Stars in dieser Liga nach grüneren Gräsern suchen, wenn ihnen das Front Office nicht die richtigen Rollenspieler an die Seite stellt.

Eine mangelhafte Big-Rotation, fehlende Schützen und zu wenig Scoring von der Bank – die abgelaufene Saison hat einige Baustellen im Kader des 17-fachen Meisters zum Vorschein gebracht. Der Umbruch hat längst begonnen: Brad Stevens wechselte von der Trainerbank in die Chefetage, Ime Udoka wird ihn als Headcoach beerben. Kemba Walker wurde nach OKC verschifft und Al Horford kehrt im Gegenzug nach Boston zurück. Für letzteren Deal hatte Stevens wohl finanzielle Beweggründe, zog allerdings auch einen enttäuschten Schlussstrich unter das Experiment Kemba. Bis zum Start der Saison 2021/22 dürfte bei den Kelten noch der ein oder andere Dominostein fallen. Dass Spieler wie Marcus Smart, Tristan Thompson oder Evan Fournier noch mal das grün-weiße Trikot überstreifen werden, ist nicht in Stein gemeißelt.  Für die Celtics war es eine seltsame Übergangssaison. Mit Jayson Tatum und Jaylen Brown hat man ein Star-Duo, mit dem man eine Championship jagen könnte. Jetzt gilt es, die beiden jungen Ausnahmekönner mit einem funktionierenden Supporting Cast zu umgeben – und zwar bevor man sie durch zu lange anhaltende Mittelmäßigkeit vergrault.

New York Knicks: Wenn man bedenkt, wie sehr die Leidensfähigkeit der Knicks-Fans in den letzten Jahren strapaziert worden ist, war die Saison 2020/21 ein riesiger Erfolg. Dennoch sorgte das hochverdiente 1-4 gegen die Hawks in der ersten Playoff-Runde für einen faden Beigeschmack. Die drittbeste Defense der Regular Season (Defensivrating von 108.2) wurde von Trae Young vorgeführt, die Leistungen des MIP Julius Randle waren weit entfernt von dem, was er von Anfang Dezember bis Mitte Mai gezeigt hatte, und COTY Tom Thibodeau suchte vergebens nach den nötigen Adjustments. Dennoch überwiegt für die Knicks in der Nachbetrachtung das Positive. Vom wandelnden Meme zum viertbesten Team im Osten – das ist eine beeindruckende Entwicklung, der man Respekt zollen muss. Die Regular Season hat gezeigt, dass sich die Knicks auf dem richtigen Weg befinden. Die Playoffs haben gezeigt, dass dieser Weg ein sehr langer ist.

Nach seinen überragenden Leistungen in der regulären Saison durfte man in New York hoffen, dass Julius Randle im Alter von 26 Jahren doch noch zum besten Spieler eines Titelanwärters reifen könnte. Mit 24.1 Punkten, 10.2 Rebounds und 6.0 Assists pro Spiel bei einer Dreierquote von 41.1% machte Randle einen gewaltigen Sprung und wurde mit seiner ersten All-Star-Nominierung, dem MIP-Award und einem Platz im All-NBA Second Team belohnt – dort war er auch bei meinen All-NBA-Teams zu finden. In den fünf Spielen gegen die Hawks machte er nur 18 Punkte pro Partie und seine Quote aus dem Feld stürzte von 45.6% auf 29.8% ab. Aus dem All-NBA-Star wurde im Handumdrehen wieder ein Sorgenkind, aus den Ausrufe- wurden wieder Fragezeichen.

Trotz der großen Enttäuschung, der erste Schritt ist getan: Die Knickerbockers sind endlich wieder eine respektable Franchise, die um die Playoffs mitspielen kann. Mit Randle, RJ Barrett und Immanuel Quickley haben sich in den vergangenen Monaten drei Spieler ins Rampenlicht gespielt, die in den nächsten Jahren die Fans im Madison Square Garden, dem Mekka des Basketballs, regelmäßig aus ihren Sitzen reißen könnten. General Manager Leon Rose und Thibodeau haben gezeigt, dass sie ein Playoff-Team formen und es mit einer Siegermentalität ausstatten können. Die Knicks gehen mit viel Cap Space und einigen Assets (unter anderem fünf Erstrundenpicks in den nächsten drei Drafts) in die kommende Offseason. In den vergangenen Jahren hätte eine solche Konstellation vielen Knicks-Fans den Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Diesmal scheint eher Zuversicht angebracht zu sein.

Brooklyn Nets: Die ominöse Big Three der Nets wurde im Laufe der Saison von Verletzungen gebeutelt, konnte sich nie richtig einspielen – und war zum Zeitpunkt der Game-7-Niederlage gegen die Milwaukee Bucks nur noch eine Big One-And-A-Half. Kyrie Irving verpasste die letzten drei Spiele der Serie, James Harden stand aufgrund einer Oberschenkelverletzung mehr oder weniger einbeinig auf dem Feld und machte in vier Partien im Schnitt 10.8 Punkte. An die Ausfälle von Spencer Dinwiddie und LaMarcus Aldridge wurde schon gar kein Gedanke mehr verschwendet. Dass man die Bucks dennoch in ein Entscheidungsspiel zwang und dieses denkbar knapp mit 111:115 nach Overtime verlor, hatte genau einen Grund: Kevin Durant. Seine Statistiken aus dieser Serie lesen sich wie folgt: 35.4 Punkte, 10.6 Rebounds, 5.4 Assists, 1,6 Steals, 1.1 Blocks – in 42.7 Minuten! Zur Erinnerung: Vor der Saison hatte man sich gefragt, wie viel dieser 32-Jährige nach seiner langen Zwangspause überhaupt noch im Tank hat. KD hat mit historischen Leistungen – vor allem in Games 5 und 7 – bewiesen, dass er noch immer einer der besten Basketballer der Welt ist.

Hätte man mit drei fitten Stars die Meisterschaft gewonnen? Die Chancen standen zumindest nicht schlecht. Spätestens nach dem Aus der Lakers galt man als großer Favorit. Ohne Irving – und, wenn man ehrlich ist, auch ohne Harden – war Durants Supporting Cast einfach nicht gut genug. Dafür kann man aber weder GM Sean Marks noch Headcoach Steve Nash einen stichhaltigen Vorwurf machen. Den Harden-Trade hätten sie in zehn von zehn Fällen wieder getätigt. Es war der ultimative Championship-or-Bust-Schachzug, der die Nets über Nacht zum Staatsfeind Nummer eins machte. Nach der ersten Saison muss man konstatieren: Auch wenn das Scheitern nicht selbst verschuldet war, ist die Big Three doch gescheitert.

Durant, Irving und Harden werden in der kommenden Saison einen neuen Anlauf starten. Alle drei stehen für 2021/22 noch unter Vertrag und haben danach eine Spieleroption für ein weiteres Jahr. Um mögliche Free-Agency-Szenarien zu vermeiden, werden die Nets wohl versuchen, mit ihren Stars neue Verträge auszuhandeln. Aber wie bezahlt man drei Max-Level-Spieler und sorgt gleichzeitig für die nötige Kadertiefe? Blake Griffin, Jeff Green und Bruce Brown werden Free Agents und werden allesamt deutlich mehr verdienen als in ihren aktuellen Verträgen. Brown könnte man aufgrund der Bird Rights definitiv halten. Gleiches gilt übrigens für Dinwiddie, aber der dürfte ein externes Angebot bekommen, das den Rahmen der Nets sprengt. Für die Mid Level Exception wird sich Brooklyn wahrscheinlich zwischen Griffen und Green entscheiden müssen. Darüber hinaus ist „Minimum“ mal wieder das Zauberwort. Welche Spieler könnten für kleines Geld anheuern? Und welcher dieser Kandidaten könnte dann auch noch eine echte Verstärkung sein? Fragen über Fragen mit Blick auf die neue Saison.

Allein die Präsenz der Big Three garantiert Brooklyn einen Platz an der Tafel der Favoriten. Abgesehen von dem extremen Verletzungspech und der chaotischen Personalsituation sind die Erkenntnisse dieser Saison überwiegend positiver Natur. Die Offensive war mindestens so unaufhaltsam wie erhofft, die Defensive war nicht so katastrophal wie befürchtet, Kevin Durant ist so fantastisch wie eh und je. Mit dem neuesten Superteam der NBA wird auch in der kommenden Saison wieder zu rechnen sein.

Toronto Raptors: Die Saison 2020/21 war für alle Team eine seltsame Herausforderung. Ein eng getakteter Spielplan, viele Verletzungen und natürlich die Corona-Pandemie mit all ihren Folgen. Aber kein Team musste so weit aus seiner Komfortzone heraus wie die Toronto Raptors – sprichwörtlich und geografisch. Die kanadische Franchise mit dem Slogan „We the North“ musste auf einmal ihre Heimspiele 1.800 Kilometer südlich in Tampa, Florida, austragen. Der Effekt dieses Umzugs auf die Leistung eines Teams ist natürlich nicht messbar, aber die ungewohnte „Heimat“ ist nicht spurlos an den Raptors vorbeigegangen. Einem verkorksten Saisonstart (2-8) und einer soliden nächsten Phase (17-17) folgte der Einbruch im März. Die Raptors gewannen nur zehn ihrer letzten 38 Begegnungen und beendeten die Spielzeit auf Rang 12 im Osten (27-45). Dass Toronto mitten in der Saison einen Corona-Ausbruch hatte, der mehrere Spieler und Trainer zwischenzeitlich aus dem Verkehr zog, darf nicht unerwähnt bleiben. Dennoch schienen die Raptors nie eine echte Chance auf die vorderen Plätze der Eastern Conference zu haben. 

Der Meister von 2019, der in den letzten fünf Spielzeiten immer eines der besten drei Teams im Osten war, steht nun an einem Scheideweg. Gegen Ende der abgelaufenen Saison schien man sich bewusst dafür entschieden zu haben, nicht mehr auf Biegen und Brechen ins Play-In-Turnier kommen zu wollen, sondern auf Glück in der Lottery zu hoffen. Dieser Teil des Plans ist zumindest aufgegangen und wurde mit dem vierten Pick belohnt, mit dem die Raptors in diesem Draft-Jahrgang gute Chancen auf einen künftigen All-Star haben. Mit einem der diesjährigen Top-Talente – mutmaßlich Evan Mobley, Jalen Green oder Jalen Suggs – ließe sich ein kleiner Rebuild einläuten, in dem auch Spieler wie OG Anunoby oder Malachi Flynn weiterentwickelt werden könnten. Allerdings sind Leistungsträger wie Pascal Siakam, Fred VanVleet und Chris Boucher schon jetzt in ihrer Prime und wollen vermutlich möglichst bald wieder in die Playoffs. Was könnte man auf dem Trademarkt für Siakam, der in seiner Entwicklung mehr oder weniger stagniert ist, bekommen? Wäre in einem Sign-and-Trade für Kyle Lowry vielleicht ein wertvolles Asset zu holen? Und die wichtigste Frage von allen: Wird Präsident und Meistermacher Masai Ujiri in der kommenden Saison überhaupt noch die Zügel in der Hand halten? Die Raptors haben im Sommer einige Entscheidungen zu treffen, die den kurz- und mittelfristigen Weg der Franchise bestimmen werden. Die Saison 2020/21 war eine Enttäuschung, kann jedoch durchaus als Kuriosum abgestempelt werden. Die Raptors haben sowohl das Talent, in der kommenden Saison wieder um die Playoffs mitzuspielen, als auch die Chance auf einen Rebuild, der sie wieder zu einem Contender machen könnte.

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