Next Generation (II)

So sehr diese Erkenntnis auch schmerzen mag: LeBron Raymone James wird nicht für immer der beste Basketballer des Planeten sein. Der King feierte vor wenigen Tagen seinen 36. Geburtstag (wahrscheinlich mit Tacos und Lobos Tequila). Auch wenn sich der biologische Alterungsprozess bislang respektvoll von ihm ferngehalten hat – lange kann er nicht mehr auf diesem Level abliefern (oder?). Wer wird also den Thron übernehmen? Welche Spieler werden LeBron, Curry, Harden, Durant und Co. beerben und die NBA über Jahre dominieren? Welche Stars werden in fünf Jahren, wenn die eben genannten entweder schon gemütlich am Strand liegen oder zumindest nicht mehr auf dem allerhöchsten Level agieren können, den Olymp der besten Liga der Welt bewohnen? Das sind meine Vorhersagen, wer im Jahr 2025 die Top-5 MVP-Kandidaten sein werden:

Honorable Mentions: Die folgenden Spieler waren lange in meiner engeren Auswahl, haben es am Ende aber nicht ganz in die Top-5 geschafft: Trae Young, Devin Booker, Shai Gilgeous-Alexander, Ja Morant, Nikola Jokić, Karl-Anthony Towns, Bam Adebayo.

⑤ Zion Williamson: Der erste Spieler auf dieser Liste ist direkt die größte Wundertüte. Mit Ausnahme von LeBron James war kein anderer Draft-Prospect mit solcher Spannung in der NBA erwartet worden wie der Duke-Star, den sich die New Orleans Pelicans 2019 mit dem ersten Pick schnappten. Zions Rookie-Saison begann aufgrund von Verletzungen allerdings erst im Januar – und umfasste bis zur Corona-Unterbrechung der Saison nur 19 Spiele. Dass es trotzdem zu einer Debatte kam, ob Zion nicht Ja Morant noch den Rookie-of-the-Year-Award streitig machen könnte, sagt alles über diese 19 Spiele aus. Williamson war nämlich genau das Monster, das man sich bei den Pelicans erhofft hatte. Die Ein-Mann-Büffelherde überrollte seine Gegenspieler regelrecht. In der Bubble von Orlando tat sich Zion allerdings schwer, seine gute Form zu halten und konnte die Pelicans nicht mehr in die Playoffs führen. Eine Saisonbilanz von 22.5 Punkten, 6.3 Rebounds und 2.1 Assists in nur 27,8 Minuten pro Spiel konnte sich für den Rookie dennoch sehen lassen. Auf dem Feld hat Zion in meinen Augen mehr als genug gezeigt, um den fünften Platz in meinem Ranking zu verdienen. Die große Frage ist, wieviel er in den nächsten Jahren tatsächlich auf dem Feld stehen wird. Es ist nur logisch, dass sein Körper diesen unfassbaren Mix aus Gewicht und Power nur schwer wegstecken kann. Der 20-Jährige wird an seinem Körper arbeiten und diesen NBA-tauglicher machen müssen, ohne dabei seine unwiderstehliche Dynamik zu verlieren. Gelingt ihm das, könnte er schon bald zum Kreis der MVP-Kandidaten gehören. (Ein verlässlicher Sprungwurf wäre auch nicht schlecht, aber ein anderer Spieler, zu dem ich gleich noch kommen werde, beweist, dass es auch ohne ganz gut geht.)

④ Jayson Tatum: Ich bin jedes Mal aufs Neue schockiert, dass Jayson Tatum so jung ist. Der Star der Boston Celtics wird im März seinen 23. Geburtstag feiern! Unfassbar… Nicht viele 22-Jährige können von sich behaupten, dass sie ihr Team schon zweimal in die Conference Finals sowie einmal in die Semifinals geführt haben und in der neuen Saison zum engeren Kreis der MVP-Anwärter gehören. Man könnte sich sogar darüber streiten, ob Tatum bei diesen drei Playoff-Runs immer der beste Spieler seines Teams war. Selbst in seiner Rookie-Saison war er in Abwesenheit des verletzen Kyrie Irving quasi der Anführer seines Teams gegen die Cleveland LeBronaliers. Über seine Karriere hinweg legt Tatum knapp 18 Punkte, sechs Rebounds und zwei Assists auf – bei einer Dreierquote von 40 Prozent! Jayson Tatum ist der Prototyp des modernen NBA-Flügelspielers: 2,03 Meter und 95 Kilogramm pure Muskelmasse gepaart mit der Fähigkeit, aus Isolations und aus dem Pick-and-Roll nach Belieben zum Korb zu ziehen oder zum Wurf hochzugehen. Außerdem ist er ein sehr starker On-Ball- und Off-Ball-Verteidiger, der dank seiner körperlichen Voraussetzungen sowohl flinke Guards als auch bullige Wings und Bigs vom Korb fernhalten kann. Der nächste Schritt für Tatum ist sein Playmaking. Gelingt es ihm – á la Kawhi Leonard – in den nächsten Jahren seine Passfähigkeiten und seine Übersicht noch zu verbessern, steht seinem Status als einer der besten Spieler der Liga nichts mehr im Weg.

③ Anthony Davis: AD ist der älteste Spieler auf dieser Liste – 2025 wird er 32 Jahre alt sein. Ich glaube aber nicht, dass ihn das vom NBA-Olymp fernhalten wird. Man erinnere sich an die eingangs erwähnten Namen: LeBron (36), Curry (32), Harden (31), Durant (32). Davis wird mit zunehmendem Alter vor allem davon profitieren, dass sein Spiel nur zu einem kleinen Teil auf Athletik beruht. Selbst wenn der Mann mit der Monobraue in den nächsten fünf Jahren etwas an Dynamik einbüßt, wird er dennoch ein Albtraum für seine Gegner bleiben. Denn Davis‘ Gesamtpaket ist einfach unfair: Für einen Spieler mit seinen körperlichen Ausmaßen (2,08 Meter und 115 Kilogramm) ist er mit einer wahnsinnigen Beweglichkeit und ansehnlichen Ballhandling-Fähigkeiten gesegnet. Diese Kombination aus Wucht und Finesse macht AD zu einem wandelnden Mismatch: Kleinere Gegenspieler räumt er im Post aus dem Weg, unbewegliche Big Men umkurvt er ohne Probleme. Es gibt nur eine Handvoll Spieler in der NBA, die in der Defensive die nötigen Fähigkeiten mitbringen, einen Anthony Davis zu stoppen. Einer von ihnen ist Anthony Davis. Der Lakers-Star dürfte in den kommenden Jahren ein Daueranwärter für den Defensive-Player-of-the-Year-Award. Das einzige winzige Loch, das noch in Davis‘ Spiel klafft, ist sein Dreier. Doch auch hier macht der frisch gebackene NBA-Champion enorme Fortschritte. Während er in seinen ersten drei Spielzeiten noch kaum von hinter der Dreierlinie abdrückte, ist er inzwischen bei 3,5 Versuchen pro Spiel angekommen und trifft diese in ordentlichen 33 Prozent der Fälle. Wenn sich AD in diesem Bereich noch weiter steigern kann – und ich gehe davon aus, dass er das tut – wird er auch in fünf Jahren noch zur Crème de la Crème der Liga gehören.

② Giannis Antetokounmpo: Was soll man zu dem „Greek Freak“ noch großartig sagen? Kaum jemand dürfte ernsthaft daran zweifeln, dass Giannis auch in fünf Jahren noch eine Naturgewalt sein wird. An dieser Stelle muss ich mich wohl eher rechtfertigen, warum ich ihn nicht auf den ersten Platz gepackt habe. Die Erklärung ist simpel: Ich liebe Luka Dončić. Sorry, Giannis. Aber ein 26-jähriger Back-to-Back-MVP, der in der abgelaufenen Saison 29.5 Punkte, 13.6 Rebounds und 5.6 Assists aufgelegt hat, liefert seinen Kritikern nicht viele Argumente. Wer neben Hakeem Olajuwon und Michael Jordan der einzige Spieler ist, der in derselben Saison zum MVP und zum DPOY gewählt wird, hat sich seinen Platz in den NBA-Geschichtsbüchern bereits verdient. Das Kapitel Giannis dürfte aber noch lange nicht zu Ende erzählt sein. Giannis wird auch in den nächsten Jahren alles und jeden überrollen, das sich ihm in den Weg stellt – zumindest in der regulären Saison. In den Playoffs konnte der Grieche, der trotz wiederholter Enttäuschungen seinen Milwaukee Bucks die Treue geschworen hat, bislang noch nicht überzeugen. Ein verlässlicher Jumper würde ihm dabei enorm helfen. Jahr für Jahr erhofft man sich von Giannis, dass er doch endlich auch eine zumindest durchschnittliche Gefahr von außerhalb der Zone ausstrahlt. Jahr für Jahr wird man bislang enttäuscht. Noch kann er dieses Defizit mit purer Power ausgleichen – spätestens 2025 wird der Bucks-Star aber nicht mehr ganz der historische Überathlet sein, der er heute ist. Für eine jährliche Teilnahme an der MVP-Verlosung dürfte es aber allemal reichen.

① Luka Dončić: LUKA MAGIC! Muss ich überhaupt noch weitermachen? Als Hawks-Fan sehe ich die astronomisch guten Leistungen des 21-jährigen Slowenen immer auch mit einem weinenden Auge. Ich bin stolzes Mitglied des Trae-Young-Fanclubs – aber Atlanta ist der klare Verlierer des Trades in der Draft-Nacht 2018. Luka wird in fünf Jahren 26 Jahre alt sein – ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass dann schon mindestens eine MVP-Trophäe sein Wohnzimmer schmückt. Der Superstar der Dallas Mavericks, die mit einem weißen Europäer als Franchise-Spieler ganz gute Erfahrungen gemacht haben, hat die vielleicht beste Sophomore-Season aller Zeiten gespielt: 28.8 Punkte, 9.4 Rebounds, 8.8 Assists und die Berufung ins All-NBA-First-Team. Wie gut soll dieser Junge noch werden? Auf eine historische Rookie-Saison folgte eine noch historischere zweite Spielzeit. Und jetzt? Luka gilt schon in diesem Jahr als der heißeste Anwärter auf den MVP-Award – die Hoffnungen der Mavericks-Fans ruhen allein auf seinen Schultern. Wenn das slowenische Wunderkind seine Scoring-Effizienz und Dreier-Quote in den kommenden Jahren noch verbessern kann, sind ihm keine Grenzen gesetzt – Dončić könnte einer der besten Spieler aller Zeiten werden.

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