EM-Gedanken (2)

Extrablatt, Extrablatt! Die MixedZone wird für die kommenden Wochen zur EuroZone umfunktioniert. Vor jeder K.o.-Runde des Turniers äußere ich an dieser Stelle drei Gedanken zum EM-Geschehen. Heute ist es wieder so weit, das Viertelfinale steht an:

1: Der Kampf um den EM-Titel geht in die nächste Runde – ohne Frankreich, Portugal, Deutschland und die Niederlande. Einige der vermeintlichen Favoriten sind nicht mehr dabei, es war das Achtelfinale der Underdogs. Vor allem die Schweiz begeisterte mit ihrem sensationellen Triumph über Weltmeister Frankreich. Angeführt vom überragenden Paul Pogba bewiesen die Franzosen zehn Minuten lang, dass sie jeden Gegner überrollen könnten. Danach legten sie jedoch erneut eine für Freunde von schönem Fußball frustrierende Passivität an den Tag und mussten ihre Koffer packen, nachdem ausgerechnet dem Goldjungen Kylian Mbappé am Elfmeterpunkt die Nerven versagt hatten. Wie dem auch sei, die Schweizer stehen nach einem beeindruckenden Comeback und einem von Yann Sommer parierten Strafstoß im Viertelfinale. Gegen Spanien nimmt die Nati erneut die Außenseiterrolle ein, zumal mit Granit Xhaka der Kapitän und Mittelfeldmotor gelbgesperrt fehlt. Aber wer Frankreich schlägt, der braucht sich auch gegen Spanien nicht verstecken.

Die Furia Roja konnte ihre defensiven Schwächen bislang nur bedingt kaschieren, scheint aber zumindest offensiv voll im Turnier angekommen zu sein, wie jeweils fünf Tore gegen Kroatien und die Slowakei beweisen. Mit 2,46 xG/90 stellen die Spanier die gefährlichste Offensive aller 24 EM-Teams. Der Halbfinaleinzug wäre für die Mannschaft von Luis Enrique bereits ein großer Erfolg, doch auch der Titel liegt im Bereich des Möglichen. Fun Fact: Die Spanier gewannen bislang dreimal ein Viertelfinale bei einer EM – 1964, 2008 und 2010. Jedes Mal wurden sie Europameister.

2: Das Spitzenspiel des Viertelfinales findet heute Abend in München zwischen Belgien und Italien statt. Trotz der (wahrscheinlichen) Ausfälle von Eden Hazard und Kevin de Bruyne sollten die Belgier dazu in der Lage sein, mit den starken Italienern mitzuhalten. In diesem Spiel treffen kurioserweise die beiden Teams aufeinander, die im Turnierverlauf die meisten Spieler eingesetzt haben. Für Belgien kamen bis auf die Ersatzkeeper Simon Mignolet und Matz Sels alle Spieler zum Einsatz, bei Italien saß sogar nur der dritte Torwart Alex Meret durchgehend auf der Bank. Abgesehen vom eingesetzten Spielerpersonal stehen sich aber vor allem zwei Nationen gegenüber, die über enormes offensives Potenzial verfügen. Die Squadra Azzurra feuert 19.85 Torschüsse pro 90 Minuten ab – Bestwert im Turnier. Belgien ist zwar nicht so aktiv, stellt aber die effizienteste Offensive der Euro: Aus 4.3 xG machten Romelu Lukaku und Co. sieben Treffer. 42.1% der belgischen Abschlüsse gingen auf das gegnerische Tor – hinter Ungarn ebenfalls ein Bestwert. Zum Vergleich: Bei Italien sind es nur 27.9%.

Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich mein Geld eher auf die Italiener setzen, auch wenn sie sich gegen Österreicher lange schwertaten. Abgesehen davon, dass Belgien mit Hazard und de Bruyne voraussichtlich zwei ganz wichtige Kreativposten fehlen werden, macht Italien auf mich einen souveränen und stabilen Eindruck. Heute Abend müssen sie den ersten echten Härtetest überstehen. Wenn ihnen das gelingt, stehen die Chancen auf den zweiten EM-Titel der Verbandsgeschichte gut.

3: Is it coming home? Die Welle der Euphorie, die das Wembley Stadium am Dienstagabend erfasste, könnte die Engländer tatsächlich erstmals in ein EM-Finale tragen. Das Mutterland des Fußballs wartet seit dem WM-Titel 1966 sehnlichst auf den nächsten großen Wurf. Nach dem Sieg über Deutschland könnte es endlich so weit sein. Im Viertelfinale wartet die Ukraine, danach geht es – erneut in London – gegen Dänemark oder Tschechien. Der pragmatische Ansatz von Gareth Southgate scheint zu funktionieren und weckt Erinnerungen an die WM 2018, als sich Frankreich mit wenig begeisterndem, aber gnadenlos effizientem Fußball den Titel sicherte. Gleiches galt für Portugal bei der EM 2016. Auch wenn man sich als Liebhaber des „beautiful game“ mehr erhofft – das ist oftmals die Realität bei großen Turnieren. Die Engländer stehen mit einem Torverhältnis von 4:0 im Viertelfinale, alles andere als ein Finaleinzug wäre eine große Enttäuschung.

Back to top